Den Anwalt wechseln: Möglichkeiten und Kosten

  • Bis zu 30.000 mal pro Jahr wird in Deutschland ein Anwalt auf Haftung verklagt, Tendenz steigend.
  • In 45% der Fälle geht es um versäumte Fristen, gefolgt von fehlerhafter Beratung mit rund 20%.
  • Kanzleien wie iurfriend helfen beim Anwaltswechsel und prüfen Ansprüche auf Haftung und Schadensersatz gegen den vorherigen Anwalt.

Leistungen und Pflichten im Anwaltsverhältnis

Verbraucher, die einen Anwalt suchen, befinden sich oft in einer Zwangslage. Die Beauftragung eines Rechtsbeistands soll eine drohende rechtliche Gefahr abwenden. Einen Prozess ohne Anwalt zu führen kann schnell teurer werden, als das Honorar eines Rechtsbeistands. Für manche Prozessarten gibt es sogar einen Anwaltszwang. Der Rechtsdienstleister wird zum wichtigsten Element für den Schutz der eigenen Rechtsgüter.

Es stehen das private Vermögen, die Durchsetzung persönlicher Freiheiten oder gar die eigene Freiheit auf dem Spiel. Daher ist Vertrauen für viele Mandanten entscheidend bei der Auswahl des Anwalts. Aber auch unter Anwälten gibt es schwarze Schafe. Selbst teure Anwälte können durch leichtsinnige Fehler oder eine unzureichende Auseinandersetzung mit dem Fall entscheidende Fehler machen, die dazu führen, dass eine Entscheidung zulasten des Mandanten ausgeht.

Umgekehrt kann in manchen Fällen selbst der beste Anwalt nichts ausrichten. Dennoch kommt es natürlich immer wieder vor, dass Klienten mit der Leistung des eigenen Anwalts nicht zufrieden sind. Wir haben recherchiert, welche Möglichkeiten Mandanten haben, um einen unzuverlässigen oder unpünktlichen Anwalt zur Rechenschaft zu ziehen.

Kann man seinen Anwalt wechseln?

Zu beachten ist, dass bei jeder Beauftragung ein Anwaltsvertrag zustande kommt. Werden keine speziellen Vereinbarungen getroffen, ist die offizielle Gebührenordnung die Grundlage für die Vergütung des Anwalts.

Ein Anwalt ist wie jeder Dienstleister zur Erfüllung seines Vertrages verpflichtet. Im Falle eines Anwalts beinhaltet dieser Vertrag die ordnungsgemäße Beratung und Einhaltung der gesetzlichen Richtlinien, insbesondere der Fristen. Auch wenn der Anwalt den Fall erheblich falsch einschätzt, kann dies bereits die Grundlage für einen Schadensersatz sein. Der Klient darf sich auf die Pflichterfüllung durch seinen qualifizierten Dienstleister verlassen.

Welche Fehler kann ein Anwalt machen?

Ein Fehler kann dem Anwalt nur angelastet werden, wenn einer dieser drei Gründe vorliegt:

  • Der Anwalt klärt Sie nicht über einen drohenden Interessenkonflikt auf
  • Der Anwalt fordert ein zu hohes Honorar
  • Der Anwalt verletzt seine Pflicht durch grobe Fahrlässigkeit

Während die Sachlage bei einem Interessenkonflikt oder einer falschen Rechnung recht eindeutig ist, ist eine Pflichtverletzung schon schwerer zu beweisen. Es kann eine Falschberatung vorliegen, aber auch fehlender Informationsfluss, generelle Untätigkeit oder Fristversäumnis können eine Rolle spielen. Ob eine unvollständige oder falsche Beratung vorliegt ist nicht immer nachträglich feststellbar. Die Beweislast liegt aber beim Mandanten. Als Anspruchsteller muss der Mandant zumindest beweisen, dass eine Pflichtverletzung des Anwalts vorlag.

In der Vergangenheit wurde meist auch ein Nachweise dafür gefordert, dass die Pflichtverletzung ursächlich für den entstandenen Schaden gewesen ist. Diese Praxis wurde in den vergangenen Jahren jedoch aufgeweicht.

Damit hat die höchstrichterliche Rechtsprechung die Anforderungen an die Sorgfaltspflicht der Anwälte erheblich ausgeweitet und konkretisiert. So wurden auch die Rechte der Mandanten deutlich gestärkt. Gleichzeitig schaffen die Kanzleien es aber auch, ihre Verwaltung zu optimieren. Daher ist trotz gestärkter Position der Verbraucher die Zahl der nachgewiesenen Pflichtverletzungen in den vergangenen Jahren konstant gesunken.

Auch iurfriend sieht die Lage kritisch. Auf die Frage nach seinen Erfahrungen mit der Darlegungs- und Beweislast vor Gericht sagt Dr. Christopher Prüfer: “Es ist sehr schwierig eine Pflichtverletzung nachzuweisen. Da braucht man schon einen Videobeweis von dem Moment, in dem der Anwalt etwas Falsches sagt. Wer den Anwalt wechselt, bezahlt meistens zweimal.”

Kann man Anwaltskosten zurückfordern?

Für eine Anwaltshaftung muss ein entscheidender Fehler des Anwalts vorliegen. Resultiert aus dem Fehler ein Vermögensschaden, kann der Anwalt auf Entschädigung verklagt werden.

Ist erwiesen, dass der Anwalt seinen Pflichten nicht nachgekommen ist, kann Schadensersatz geltend gemacht werden. Dazu zählen neben der Hauptforderung auch die Mehrkosten des Prozesses, also den Verfahrenskosten seiner Mandanten sowie auch die Anwaltskosten der Gegenseite.

Beispiel:

  • Entschädigungssumme €3350
    Anwaltskosten €850
    Resultierender Schaden aus Pflichtverletzung €1500
    Prozesskosten €250
    Anwaltskosten der Gegenseite €750

Kann ein Urteil aufgrund eines schlechten Anwalts revidiert werden?

Der übliche Rechtsweg bei einer Haftungsklage beinhaltet nicht die Aufhebung eines vorangegangenen Urteils, in dem man vom beklagten Anwalt vertreten wurde. Bereits getroffene Entscheidungen werden nicht einfach aufgehoben und neu verhandelt. Vielmehr werden durch das Einlegen von Rechtsmitteln die Umständ überprüft, die zu einer Entscheidung geführt haben. Stellt sich heraus, dass es Mängel im Prozess gab, wird der Fall zurück an das zuständige Gericht oder an eine höhere Instanz verwiesen. Die gängigsten Rechtsmittel sind die Berufung oder die Revision. In einer solchen Verhandlung können auch Mängel bei der Beratung durch einen Anwalt die erneute Entscheidungsfindung beeinflussen.

Anwalt wechseln

Ist der Auftrag noch nicht abgeschlossen aber eine weitere Zusammenarbeit mit dem Anwalt nicht mehr möglich, ist ein Anwaltswechsel manchmal die einzige Lösung. Zuvor sollte jedoch genau geprüft werden, welche Kosten dies verursacht. Selbst wenn der Anwalt seine Tätigkeit noch nicht abgeschlossen hat, kann es sein, dass er einen Anspruch auf den vollen Lohn nach der Gebührentabelle hat. Der neue Anwalt könnte dann noch einmal den gleichen Satz verlangen. Kann dem Anwalt kein Fehlverhalten nachgewiesen werden, sollte ein Wechsel des Anwalts daher sehr gut überlegt sein.

Entstehen Mehrkosten durch einen Anwaltswechsel, sind diese vom Mandanten selbst zu tragen. Selbst wenn der Prozess gewonnen wird, können die Mehrkosten nicht von der beklagten Partei zurückgefordert werden. OLG Koblenz (Az.: 14 W 4/17) Dass eine Kanzlei bei einem Wechsel freiwillig auf ihr Honorar verzichtet, weil sie ihr mangelhaftes Verhalten einsieht, ist eher unüblich.

Beschwerde gegen Anwälte

Eine Beschwerde kann ein probates Mittel sein, um einem besonders schlechten Anwalt auf die Finger zu klopfen. Das Einlegen der Beschwerde ist in der Regel kostenlos. Die Kammer prüft die Beschwerde und bittet den beschuldigten Anwalt um eine Stellungnahme. Im nächsten Schritt wird ein Vermittlungsverfahren angeregt.

Wird im Verfahren festgestellt, dass der Anwalt sich falsch verhalten hat, wird eine Rüge erteilt. In schweren Fällen erfolgt die Einleitung eines anwaltsgerichtlichen Verfahrens, das mit einem Entzug der Anwaltszulassung oder strafrechtlichen Folgen enden kann.

Allzu große Erfolge darf man sich von einer solche Beschwerde nicht erwarten. Die Kammer ist zuerst bemüht, die Interessen ihrer Mitglieder zu schützen. Einfach Pflichtverletzungen ziehen daher keine Maßnahmen nach sich. Handelt es sich mithin um ein ernsthaftes Versagen des Rechtsbeistandes, wird die Kammer auch ohne Beschwerde aktiv.

Der größte Vorteil für den Mandanten liegt in der Wirkung der Androhung. Anwälte sind durchaus bemüht um ein gutes Verhältnis bei ihrer Kammer. Zu viele Beschwerden werden da natürlich lieber vermieden. Eine solche Beschwerde kann also nicht nur dem eigenen Fall helfen, sondern auch, um andere Menschen in der Zukunft vor einer mangelhaften Leistung durch den gleichen Anwalt zu schützen.

Hier gibt es eine Liste mit den zuständigen Rechtsanwaltskammern für alle Bundesländer.

Dienstleister für den Anwaltswechsel

Anwalt wechseln ist ein Service der iurfriend GmbH aus Düsseldorf. Die Kanzlei ist seit 2018 mit dem Wechselservice aktiv und bearbeitet nach eigenen Angaben über 1000 derartige Fälle pro Jahr. Um ein möglichst breites Spektrum abdecken zu können, arbeiten die Anwälte mit mehreren Partnerkanzleien zusammen.

Zu den Leistungen bei Anwalt wechseln gehören außerdem:

  • Anforderung und Übernahme der Unterlagen vom alten Anwalt
  • Überprüfung, ob die Tätigkeit des ehemaligen Anwalts ein Haftungspotential enthält
  • Bei Bedarf Kontaktaufnahme und Verhandlung mit dem alten Anwalt
  • Akteneinsichten
  • Schreiben an Gerichte und Gegenanwälte hinsichtlich der Mandantenübernahme
  • Prüfung der Erstattungsfähigkeit von Vorschüssen und Überprüfung der alten Kostenbescheide
  • Überprüfung, ob VKH (=Verfahrenskostenhilfe) vom Gericht noch ein 2. Mal bewilligt werden kann

Die Kanzlei bietet ihren Klienten ein Orientierungsgespräch und kostenlose Erstberatung an. Damit ist das Risiko für den Mandanten gut abzuschätzen.

Zahlt die Rechtsschutzversicherung den neuen Anwalt?

Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten, da sich jede Versicherung anders verhält und jeder Fall anders gelagert ist. Häufig ist die Finanzierung nach dem Anwaltswechsel leider kategorisch ausgeschlossen. In jedem Fall sollten Sie zuerst Kontakt mit Ihrer Versicherung aufnehmen, um keine böse Überraschung zu erleben.

Fazit zum Anwaltswechsel

Seinen Anwalt zu wechseln ist theoretisch kein Problem und kann auch im laufenden Verfahren durchgeführt werden. Es herrscht das Prinzip der freien Anwaltswahl. Auch bedeutet ein Anwaltswechsel nicht, dass man vor Gericht einen schlechten Eindruck macht. Natürlich vorausgesetzt, der neue Anwalt ist mindestens ebenso gut in den Fall eingearbeitet wie seine Vorgänger.

Die Vergütung eines Anwalts richtet sich nicht nach dem Ausgang des Verfahrens. Wie ein Künstler, werden Anwälte nicht für den Erfolg bezahlt, sondern lediglich dafür, dass Sie überhaupt tätig werden. Für die Beauftragung eines neuen Anwalts werden daher fast immer Mehrkosten fällig. Denn abgerechnet werden nicht nur die Kosten des restlichen Verfahrens. In aller Regel ist eine erneute Grundgebühr zu bezahlen. Auch die Streitsumme, nach der sich die anwaltliche Vergütung oft richtet, sinkt nicht. Als Resultat muss der Kläger häufig beiden Kanzleien das volle Honorar bezahlen.

Den eigenen Anwalt verklagen?

Eine Pflichverletzung zu bewiesen und seinen Anwalt in Regress zu nehmen ist hingegen extrem schwierig und nur in Ausnahmen erfolgreich. Umso wichtiger ist es daher zu vergleichen und nach Möglichkeit von Anfang an den richtigen Anwalt zu beauftragen.

 

Ein Wort an unsere Leser:

Aus logistischen Gründen können wir nicht alle Anwälte im jeweiligen Fachgebiet testen. In der Regel beschränken wir uns auf Kanzleien, die besonders bekannt sind oder die uns aufgrund ihrer guten Bewertungen auffallen. Falls Sie gute Erfahrungen mit einem bestimmten Anwalt gemacht haben, der hier nicht aufgeführt ist, schreiben Sie uns bitte eine Nachricht und wir prüfen auch Ihre Empfehlung! Falls Sie schlechte Erfahrungen mit einem der bei Rechtstip.com genannten Anwälte gemacht haben, sind wir Ihnen auch für diese Informationen sehr dankbar.